Der Kübel als Krankheit

Posterous

Wenn man die Erklärung für die überraschenden Trendwellen mal nicht im Internet suchen wollte, könnte man zum Beispiel die Geschichte der Schuhmarke Hush Puppies erzählen. Die Schuhe waren irgendwie aus der Mode geraten. Im Jahr 1994 verkauften sich gerade noch 30 000 Paar. Sehr wenig im Vergleich zu besseren Zeiten. Und es sah eher so aus, als wenn das so bleiben würde. Das Ende schien absehbar, aber dann geschah etwas Seltsames.

Schuhhändler deckten sich plötzlich wieder mit Hush Puppies ein, sogar Second-Hand-Läden wurden ihre Vorräte los. Die Trendelite in den New Yorker Vierteln East Village und Soho trug wieder Hush Puppies. Und es dauerte nicht lange, bis die Schuhe auch in den Frühjahrskollektionen der Designer auftauchten. Ende 1995 war die Verkaufszahlen auf 430 000 Paar gewachsen.

Malcolm Gladwell hat dieses Beispiel in seinem vor zehn Jahren erschienenen Buch "Tipping Point" beschrieben. Ein Tipping Point ist der unerklärliche Punkt, an dem eine scheinbar erwartbare Entwicklung umschlägt und dann eilig nach oben abknickt. Epidemien breiten sich auf diese Weise aus. Und eben auch Trends. Allerdings konnte Gladwell wohl nicht ahnen, dass soziale Netzwerke dem Phänomen irgendwann eine ideale Infrastruktur bieten würden. Das Internet kommt in seinem Buch nicht vor. Aber inzwischen gibt es auch dort so viele Beispiele, dass man darüber wieder ein Buch mit dem gleichen Titel schreiben könnte. 

Vor einem Jahr wurde der unter ein Plakat geschriebene Kommentar "Und alle so: Yeaahh!" so bekannt, dass die Tagesthemen darüber berichteten. Im Dezember schafften es ein paar Leute per Facebook, einen uralten Song der Band "Rage Against the Machine" auf Platz eins der Charts zu hieven, weil sie nicht wollten, dass schon wieder der Sieger der britschen Superstars-Reihe ganz vorn stand. Am Donnerstag wurde der Blumenkübel berühmt. 

Die Muster waren dabei immer ähnlich. Und wenn es stimmt, was Malcolm Gladwell beschreibt, beginnt die explosionsartige Verbreitung von Trends in einer kleinen, einflussreichen Gruppe, die eine Art Vorbildfunktion hat.

Gladwell hat einige Beispiele für die These gesammelt. Zum Beispiel eine Untersuchung der Universtität von Illinois, nach der die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss in Stadtvierteln überproportional steigen, sobald der Prozentsatz an sozialen Vorbildern unter die Fünf-Prozent-Marke rutscht. Gleiches gilt danach für den Anstieg von Teenagerschwangerschaften. Eine kleine Gruppe an Menschen kann eine Entwicklung beeinflussen, bis sie sich irgendwann verselbstständigt. Und obwohl Twitter 75 Millionen Nutzer haben soll, dreht auch sich in dieser Gemeinde alles um wenige Menschen. 

In dem Fall dürfte es Thomas Knüwer gewesen sein, der großen Anteil daran hatte, dass die Nachricht so schnell die Runde machte. Was Knüwer bei Twitter veröffentlicht, lesen mehr als 9500 Nutzer, viele davon haben selbst tausende Follower. Knüwer war am Donnerstag einer der Ersten, die zunächst die Anti-Nachricht und dann auch die Parodien weitergaben. Kurz darauf verbreitete sich das Wort "Blumenkübel" so explosionsartig, dass es gegen 14 Uhr fast alle übrigen Themen bei Twitter verdrängt hatte. 

Der Blumenkübel wäre aber wahrscheinlich nie so bekannt geworden, wenn die Autorin den Bagatellschaden in ihrer guter Absicht nicht so sehr dramatisiert hätte, dass man nach dem letzten Satz denken müsste, es sei tatsächlich eine Katastrophe passiert. Die fassungslosen Bewohner, der Schaden von immerhin 150 Euro, dann noch die Information in der Überschrift, dass es sich um einen "großen Blumenkübel" gehandelt habe. In den Twitter-Kommentaren wurde all das parodiert. Und auch "Dramatisierte Lesefassung" des Artikels bei Youtube war wohl wegen des etwas verrutschten Tonfalls so erfolgreich.

Ein kleines Detail, aber auch das war in anderen Fällen ganz ähnlich. Die Sesamstraße zum Beispiel kam in Tests zunächst überhaupt nicht bei Kindern an. Das änderte sich erst, als die Figur Bibo hinzukam, die man sicher nicht für so wichtig gehalten hätte.

Es gibt noch ein drittes Steinchen, das glücklicherweise ganz gut ins Schema passt: die Umstände, unter denen sich die Nachricht durchs Netz fraß. 

Die Parodien auf Politiker-Statements schöpften ihre Komik vor allem aus der Tatsache, dass man die Sätze eine Woche zuvor noch in einem anderen Zusammenhang gehört hatte. Auch nach dem Loveparade-Unglück hatte Angela Merkel ihren Urlaub unterbrochen. Auch da hatte der Bundespräsident zur lückenlosen Aufklärung der Tragödie aufgerufen. Und auch da hatte Sascha Lobo nachher erklärt, er sei kein Experte und könne zu alledem nichts sagen. 

So seltsam es auch klingt, aber über vieles hätte ohne die vorausgegangene Tragödie in Duisburg niemand gelacht. Ohne die überspannte Dramatik des Textes aus der Zeitung hätten die Parodien ihr Ziel verfehlt. Und wenn Thomas Knüwer und einige andere aus der Gruppe mit tausenden Followern die Nachricht nicht weitergereicht hätten, wäre die Welle womöglich kurz nach dem Start wieder abgeebbt. 

Allerdings gibt es noch eine andere Erklärung, die gar nicht so abwegig klingt. Es kann auch alles ein irrer Zufall gewesen sein.